Die Köhlerschildkröte (Chelonoidis carbonaria)


Schauen Sie sich eine Köhlerschildkröte mal genau an, was sehen Sie? Die meisten sehen nur eine Schildkröte mit dunklem, trüben Panzer und eine träge, langweilige Persönlichkeit, die mit ihren Farbklecksen etwas anders aussieht, als die anderen Schildkrötenarten dieser Welt. Wenn ich mir meine Köhlerschildkröten ansehe, erkenne ich eine Gruppe, in der es nie hektisch wird. Ich sehe eine Art Harmonie zwischen Männchen und Weibchen, Alttieren und deutlich kleineren Jungtieren. Sogar zwischen zwei rivalisierenden Männchen existiert so etwas wie freundschaftlicher Respekt. Die Köhlerschildkröte ist wohl eine der friedfertigsten Schildkrötenarten überhaupt. In Verbindung mit ihrer letztendlichen Größe und der besonderen Farbgebung, zähle ich diese südamerikanische Landschildkrötenart zu den schönsten Tieren dieser Welt. Der Umstand, dass diese Schildkröten ein feuchtwarmes Klima benötigen und einen enormen Bewegungsdrang ausleben müssen, ermöglicht es nur sehr wenigen Menschen diese Schildkrötenart halten zu können. Ein Privileg, das ich jeden Tag erleben darf.
Das sind die Gründe, warum ich ausgerechnet die Köhlerschildkröte halte und nicht irgendeine andere Art.

Herkunft:
Die Köhlerschildkröte stammt aus dem nördlichen Südamerika. Dort findet man sie in den Grassavannen, Galerie- und Dornbuschwäldern, sowie deren Lichtungen und in dichten Regenwaldregionen.
Gesetzliche Bestimmungen:
Wie alle Landschildkrötenarten gehört auch die Köhlerschildkröte zu den besonders geschützten Tieren dieser Welt. Sie steht im Washingtoner Artenschutzabkommen im Anhang B. Das bedeutet, dass die Haltung dieser Tiere meldepflichtig ist und man bei Übernahme eines Tieres einen Herkunftsnachweis benötigt. In manchen Bundesländern ist auch für den Bau des Geheges eine Genehmigung erforderlich, da Landschildkröten zu den Wildtieren gehören und ein „Wildtiergehege“ besondere Auflagen erfüllen muss.


Aussehen:
Chelonoidis carbonaria unterscheidet sich durch ihren überwiegend schwarz bis gräulichen Rückenpanzer und den meist gelblich bis bräunlichen Zentren auf den einzelnen Schildern von anderen Schildkrötenarten. Die graue Haut der Beine und des Kopfes wird durch rote, gelbe und orange Schuppen bedeckt und lassen diese Stellen wie ein glühendes Stück Kohle aussehen (diese Erscheinung half damals bei der deutschen Namensgebung). Da die Köhlerschildkröte in unterschiedlichen Lebensräumen beheimatet ist, unterscheiden sich die Regionalformen in Farbe und Intensivität der Farben  untereinander erheblich. Trotz ihres großflächigen Verbreitungsgebietes und den wahrscheinlich daraus resultierenden Erscheinungsbildern wird die Köhlerschildkröte nicht in Unterarten gegliedert. Jedoch hat sich für Tiere, deren Hautschuppen ausschließlich eine rote Färbung zeigen, der Name „Cherryhead“ etabliert. Ihre besonders hohe Gangart ermöglicht den Schildkröten eine zügige Fortbewegung in waldigen und unwegsamen Lebensräumen.


Größe und Gewicht:
Bei der Köhlerschildkröte sind Größen von 20 bis knapp 50 cm bekannt. Bei einem Gewicht von bis zu 20 kg. Meine Tiere aus Französisch Guayana und Venezuela haben eine Panzerlänge von 23 bis 28 cm und ein Gewicht von drei bis fünf Kilo. Die Lebenserwartung von Köhlerschildkröten wird mit 50 bis 70 Jahren beziffert.


Wachstum:
Die Geschlechtsreife erreicht eine Köhlerschildkröte nach etwa acht bis zwölf Jahren. Da diese südamerikanische Landschildkröte von Population zu Population unterschiedlich groß werden kann, gibt es auch keine typischen Wachstumstabellen. Selbst Tiere aus einem Gelege entwickeln sich bei gleicher Haltung oft unterschiedlich schnell. Pauschal habe ich bei meinen Jungtieren von 2009 bisher eine Verdoppelung des Gewichtes pro Halbjahr feststellen können. In einem Fall hat ein Tier innerhalb von sechs Monaten sein Gewicht sogar verdreifacht.


Haltung:
Köhlerschildkröten benötigen das ganze Jahr über einen Bereich, in dem sie Temperaturen zwischen 25 und 40 Grad vorfinden und die relative Luftfeuchte nicht unter 70% sinkt. Nachts sollte es nicht unter 20 Grad Celsius abkühlen. Da die Tiere relativ groß werden können und enorm viel unterwegs sind, ist ein ausreichend großes Gehege notwendig. Die Herausforderung an dem Halter liegt darin, eine gesunde Mischung aus Feuchte und Wärme zu erzeugen und gleichzeitig die Bausubstanz der Anlage dieser Witterung so anzupassen, dass Renovierungsarbeiten nicht die Ruhe der Tiere dauerhaft stören. Anhand der nötigen klimatischen Bedürfnisse ist abzulesen, dass Köhlerschildkröten keine Winterstarre halten.


Terrarium:
Die Haltung von Köhlerschildkröten in einem Terrarium ist nur kurzweilig möglich. Vielmehr benötigen die Tiere ein Zimmergehege oder wenn möglich ein Gehegezimmer. Die Größe des Geheges richtet sich immer nach der Anzahl in Verbindung mit der Größe der Schildkröten. Optimal ist ein gut isoliertes Schutzhaus, in dem die Tiere das ganze Jahr über leben können, mit einem direkten Zugang zu einem Freilandgehege im Sommer. Der Bodengrund sollte feucht und trittfest sein. Gartenerde und humoser Boden bieten einen natürlichen Untergrund. Einige Gräser und Pflanzen bieten ebenfalls Halt und bilden eine natürliche Umgebung. Ihre Lebensdauer ist jedoch stark begrenzt, da Köhlerschildkröten echte Bulldozer sein können. Unerreichbare Rank-Pflanzen und tropische Hochpflanzen bieten Waldatmosphäre und erleichtern das Halten einer hohen Luftfeuchte. Wegen dem feuchten Klima sollte man immer die Wände und Ecken des Raumes im Auge behalten, um eine Schimmelbildung sofort zu unterbinden. Punktuell muss ein Platz geschaffen werden, an dem es über 40 Grad warm wird, der sogenannte Sonnenplatz. Spezielle UV-Lampen müssen so angebracht werden, damit die Tiere gesund bleiben. Helle und schattige Plätze geben den Tieren die Möglichkeit selbst zu wählen, wo sie sich lieber aufhalten. Eine große Wasserstelle wird von den Schildkröten zum Baden genutzt. Köhlerschildkröten können schwimmen und werden das auch tun, wenn die Wasserstelle groß genug ist. Das Wasser muss mehrmals am Tag gewechselt werden, da die Klimaverhältnisse die Keim- und Bakterienbildung fördern.


Freigehege:
Natürliches Sonnenlicht und frische Luft ist durch nichts zu ersetzen, und deshalb sollte  Köhlerschildkröten immer wenn es die Temperaturen zulassen die Möglichkeit gegeben werden, ins Freiland zu gelangen. Erreichen die Temperaturen die 20 Gradmarke, können Köhlerschildkröten in einem Freigehege gehalten werden. Optimal wäre ein direkter Zugang vom Zimmergehege zum Freiland und umgekehrt. So erspart man den Tieren ein hin- und hertragen.    


Strukturierung:
Ein krautiger Untergrund und höhere Büsche liefern Feuchte, Sicherheit und Nahrung. Eine natürliche Futtersuche wird gefördert. Die Büsche und Sträucher spenden Schatten. Die Hundsrose ist eine gute Gehegepflanze. Das Blätterdach schützt vor Sichtkontakt und die Hagebutten sind eine bevorzugte Abwechslung und fördern den Klettertrieb.


Umrandung:
Das Freilandgehege sollte mindestens 60 cm hoch umzäunt sein. Als Umfriedung haben sich Natursteinmauern oder andere gut sichtbare Barrieren bewährt. Glas oder Maschendrahtzaun ist nicht zu empfehlen, da die Tiere diese Materialien nicht als Grenze erkennen und permanent davor laufen würden. Kleinere Schildkröten müssen vor Krähenvögel geschützt werden, während die großen Tiere nur vor Hunden oder anderen verspielten Haustieren getrennt gehalten werden sollten.


Futter:
Das tägliche Nahrungsangebot sollte der Haltung angepasst sein. Da Schildkröten langsam wachsen sollen, um Höckerbildung oder andere Wachstumsstörungen zu vermeiden, müssen die Futterbestandteile kalorienarm und langsam verdaulich sein. Köhlerschildkröten ernähren sich omnivor. Mit anderen Worten, neben einem breiten Spektrum aus pflanzlicher Kost, besteht die Nahrung dieser Schildkrötenart auch aus tierischem Futter. Wildkräuter bilden die Hauptnahrung. Ergänzt wird dies durch Gräser, Blüten, Blätter, Früchte und Wurzeln diverser Bäume und Sträucher. Baumpilze und Samen, aber auch langsame Insekten, Schnecken und Würmer stehen auf dem Speiseplan. Das alles finden die Tiere im Freilandgehege. In den Zeiten wo zugefüttert werden muss, weil unser Winter nicht genügend Wildkräuter wachsen lässt, bekommen die Köhlerschildkröten Kulturgemüse wie Rucola, Radicchio, Endivien, Romana, Chicorée, Zucchini, Möhren, Mangold, Feldsalat, Kresse und Sprossen. Champignons, Kräuterseitling oder Austernpilze bieten eine gern gesehene Abwechslung. Ab und zu ein wenig Obst wie Apfel, Papaya, Feige oder Erdbeeren. Noch seltener gibt es tierische Kost in Form von Fisch oder Insekten. Rohfaserreiches Heu sorgt für eine lang andauernde Darmpassage und somit auch für ein schneller einsetzendes Sättigungsgefühl. Was auf gar keinen Fall fehlen darf ist Kalzium. Der Knochenbau und der damit verbundene Panzeraufbau einer Schildkröte kommen nicht ohne Kalzium aus. Deshalb finden meine Köhlerschildkröten immer Kalzium in Form von Sepiaschalen oder Eierschalen im Gehege.


Fazit:
Man muss schon ein wenig verrückt sein, um sich auf die Haltung von Köhlerschildkröten einzulassen. Wenn man muffige Gerüche, Feuchtigkeitsflecken und übel riechenden Kot nicht mag, ist die Köhlerschildkröte sicher nicht unbedingt die Schildkrötenart, die man halten sollte. Auch die Kosten sollte man nicht unterschätzen. Dabei spielt der Stromverbrauch eine große Rolle. Ich für meinen Teil habe den Beginn der Haltung jedenfalls nie bereut. Meine feuchtfröhlichen Buntnasen zeigen mir an jedem Tag ihre aktive und harmonische Lebensweise.


Zum Schluss ein Buchtipp: "Südamerikanische Landschildkröten"  von T. & S. Vinke und S. & H. Vetter aus der „Schildkrötenbibliothek“. Erschienen im Chimaira Verlag....

Text und Fotos: Ralf Czybulinski
www.ich-halte-koehlerschildkroeten-wer-noch.de