Das Märchen: "Wie der Dorftrottel zu seinem Harem kam"

 

Hallo,

 

da bin ich wieder, euere Trudy Schröte.

 

Endlich ist das Wetter  wieder schön, alle Schildkröten sind gut aus der Winterstarre erwacht und nun wieder in ihren Gehegen.

 

Alle? Nein! Einige schwimmen doch tatsächlich im Teich!

Ich bin gleich mal zum alten Kunibert und habe ihn gefragt, was das soll. Eine Schildkröte, die schwimmen kann? Er wusste natürlich mit seinen fast 60 Jahren gut Bescheid und hat mir das Märchen: „Wie der Dorftrottel zu seinem Harem kam“ erzählt:

 

Es war einmal die Wasserschildkröte Wilma. Sie war eine Hieroglyphenschmuckschildkröte (Pseudemys concinna concinna) und suchte ein neues Zuhause. Wir wurden gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, dass sie zu uns käme.

Da zu diesem Zeitpunkt ja schon einige Wasserschildkröten bei uns lebten, waren wir gar nicht abgeneigt.

 

Die Umstände in denen das Tier nämlich bisher ihr Leben fristen musste, waren alles andere als artgerecht. Die Schildkröte war zwar in einem verhältnismäßig großen Becken untergebracht, jedoch ohne Landteil. Das hieß, sie musste jedes Mal an die Oberfläche schwimmen, wenn sie Luft holen wollte. Da der Besitzer dachte, dass Wilma Kiemenatmung hätte, hatte er sie ausschließlich im Wasser gehalten. Vergebens suchte man auch eine  Wärme- oder UV-Beleuchtung.

 

Wilma wurde viel zu fett und proteinreich  gefüttert worden und wog 3,5 kg. Aufgrund der Fehlernährung hatte sich sogar der Rückenpanzer hinten nach oben gewölbt und sie war nicht in der Lage  ihre Extremitäten einziehen.

Unsere große Wilma!
Unsere große Wilma!

 

Ein glücklicher Umstand verhalf ihr zu einem neuen Leben. Der bisherige Besitzer wollte das von Wilma bisher genutzte Aquarium verkaufen. Der potentielle Käufer sah das arme Tier und beschloss sie aus dieser misslichen Lage zu befreien. So nahm der Käufer die Schildkröte kurz entschlossen mit nach Hause. Dort konnte sie jedoch auch nicht auf Dauer bleiben, da keine artgerechte Unterbringung möglich war. So kam sie dann letztendlich zu uns, die dicke Wilma.

 

Vorsichtig wurde sie von uns in den Teich gesetzt, da wir Angst hatten, dass sie ertrinken würde. Behäbig und träge glitt sie durchs Wasser. Es war ein Teich mit ungefähr 3000 Liter Wasser. Dies war Wilma aber eindeutig zu klein. Sie strebte nach „Höherem“.  Der Teich war mit einem Bachlauf mit einem größeren Teich verbunden. Dies war ihr auserkorenes Ziel: Ihr Wunschteich! Sie rüttelte solange am Zaun, bis dieser sich lockerte und sie am Bach entlang ins Wasser gleiten konnte. Hurra, sie hatte es geschafft: Ihr Reich,

30 000 Liter Wasser. Zuerst hatten wir noch Bedenken, ob wir sie da im Herbst wieder herausbekommen würden. Dies war aber unbegründet, denn Wilma war so zutraulich und wenig menschenscheu, dass es ein Kinderspiel war, sie zu fangen. Sie lebte nun einige Jahre allein in diesem Teich und verließ ihn täglich zum ausgiebigen Sonnenbaden.

 

Vor einigen Jahren  wendete sich jedoch das Blatt. Es kam eine Anfrage von Bekannten, die wiederum Bekannte hätten… ob wir denn, mal… vielleicht…eventuell… oder die Möglichkeit bestünde…  eine Wasserschildkröte aufzunehmen.  Zähneknirschend ließen wir uns darauf ein, dass der Besitzer uns Bilder dieses Tieres schickte. Wie war die Freude bei uns groß, als wir sahen, dass die Wasserschildkröte Emmi auf den Fotos  ebenfalls eine weibliche Pseudemys concinna concinna war. So stand einer Aufnahme nichts im Wege und nach Einhaltung der Quarantäne konnten die beiden Damen nun gemeinsam im Teich schwimmen.

Es machte uns fortan viel Freude den beiden beim Schwimmen und Sonnen zuzusehen.

Emmi (rechts)
Emmi (rechts)

 

Doch dann kam ein Anruf, der alles auf den Kopf stellte: „Hallo, ich habe ein Problem. Wir haben in unserem Dorf einen Teich in dem seit Jahren eine Schildkröte lebt. Sie hat auch bisher den Winter im Teich verbracht. Nun geht die Schildkröte aber immer wieder auf Wanderschaft. Wir haben Angst, dass sie dabei überfahren wird. Kann ich die Schildkröte vielleicht vorbeibringen?“

Was blieb also anderes übrig, als dem zuzustimmen. Was sollten wir auch anderes machen? Wir konnten doch nicht riskieren, dass dem Tier etwas passiert.

 

Ein mulmiges Gefühl hatten wir schon dabei. Denn wo und wie sollte die Schildkröte untergebracht werden? Da die Schildkröte ja schon einige Jahre den Winter im Teich verbracht hatte, handelte es sich vermutlich um eine robuste Art. Vielleicht eine Rotwange? Zu allem Überfluss auch noch männlich? In diesem Fall könnten wir sie/ihn  unmöglich mit den Hieroglyphen vergesellschaften. Nun war guter Rat teuer!

 

Ungefähr eine halbe Stunde später kam sie dann bei uns an. Zuerst sahen wir nur den Transportbehälter, dann gar nichts mehr, denn wir hatten Tränen in den Augen. Mit allem hätten wir gerechnet. Wir hatten uns schon in den wildesten Fantasien ausgemalt, wie wir das Tier unterbringen würden. Doch das Glück hatte es gut mit uns gemeint.

Es war doch tatsächlich eine männliche Pseudemys concinna concinna.

Aramis (rechts) und sein Harem
Aramis (rechts) und sein Harem

 

Er passte genau zum vorhandenem Harem! Spontan wurde er  „Aramis“ genannt, wie einer der Musketiere. Er gliederte sich hervorragend ein und verbringt nun den Sommer mit seinem Harem im Teich. In der Übergangszeit muss er allerdings alleine in seinem Aquarium schwimmen, damit er die Weibchen nicht so sehr bedrängt. Auch den Winter verbringt er alleine in seiner Box.

 

Aramis ist unser besonderer Liebling geworden. Wir nennen ihn auch  liebevoll „Dorftrottel“. Aramis ist natürlich das Musketier  im Teich: „Einer für alle und alle für einen“.  

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

Ach Kunibert, das ist ja ein schönes Märchen, kann ich da nur sagen! Ich glaube, ich habe auch ein bisschen feuchte Augen bekommen. Es ist doch schön, wenn es so ein gutes Ende nimmt.

 

 

 

Bis demnächst

 

Euere Trudy Schröte